Anlässlich des Internationalen Jahres der Frauen in der Landwirtschaft gab es einen Vortrag mit Maria de Socorro Ferreira vom Netzwerk SoliVida, in Kooperation mit dem kfd-Diözesanverband Münster e. V. und der „Kommission für Agrarfragen“.
Socorro ist eine der Gründerinnen der CPT Cajazeiras (mehr zur CPT Cajazeiras hier!). Cajazeiras ist eine Stadt im Nordosten Brasiliens, wo die Landpastoralkommission (CPT) intensiv mit Frauen aus ländlichen Gebieten zusammenarbeitet. Seit fast 40 Jahren steht sie im engen Austausch mit landlosen Familien und der ländlichen Bevölkerung. Die Verbindung zur kfd besteht über Maria Terbeck, die im Vorstand des Aktionskreises und Teil der Geschäftsführung der kfd Münster ist. Da sie selbst einen Freiwilligeneinsatz in Cajazeiras gemacht hat, kennt sie die Lebenswelt der Frauen in der Landwirtschaft dort und hier.
In den Räumen der kfd in Münster berichtete Maria Terbeck über die Tätigkeiten der kfd und der „Kommission für Agrarfragen“. Sie ermöglichte den Zuhörerinnen und Zuhörern einen kurzen Einblick in die aktuelle Lage der Frauen in der Landwirtschaft in Deutschland und darüber, wie die Strukturen der Landwirtschaft von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten geprägt sind. So führen traditionelle Rollenbilder, Machtstrukturen und fehlende gleichstellungspolitische Impulse auch heute zu einer strukturellen Benachteiligung von Frauen in der Landwirtschaft. Die „Kommission für Agrarfragen“ möchte diese Situation durch verschiedene Bildungsangebote, Aktivitäten und politisches Engagement verändern.
Hier bestehen viele Parallelen zu den aktuellen Tätigkeiten von Socorro, von denen sie im Anschluss an die Vorstellung der kfd und des Aktionskreises berichtete. Socorro Ferreira hat die CPT Cajazeiras gemeinsam mit Socorro Goveia gegründet und erläuterte, wie sich die Arbeit der ursprünglich zwei Frauen im Kampf um Land über die Jahre verändert hat. „Am Anfang waren wir bei den Besetzungen immer zwei Frauen unter Bauern.“ Irgendwann haben die beiden Gründerinnen das nicht mehr akzeptiert und damit gedroht, nicht mehr zu kommen, wenn die Landwirte ihre Frauen nicht mitbringen würden. Von da an waren Frauen und Männer gleichermaßen am Kampf beteiligt.
In 40 Jahren wurden so 37 Gemeinschaften Land zugesprochen. Die Situation für die Kleinbauern hat sich in der Region Cajazeiras stark verbessert. Heute liegt ein Schwerpunkt ihrer Arbeit auf der Stärkung von Frauen. Warum das so wichtig ist, erläutert sie anhand der Zahlen zur Gewalt gegen Frauen und zu Femiziden. Im ersten Quartal wurden jeden Tag vier Frauen Opfer eines Femizids. In finanzieller Unabhängigkeit und der Stärkung von Frauen sehen sie die Chance, diese Situation zu verbessern. Das möchten sie über verschiedene Weiterbildungsangebote und andere Aktivitäten erreichen. Die Frauen erhalten die Möglichkeit, sich fortzubilden und dadurch finanziell unabhängiger zu werden. Außerdem geht es um psychologische Unterstützung sowie darum, über ihre Rechte zu informieren und diese einzufordern. Gemeinsam stellen sie Forderungen, erheben ihre Stimme und gehen auf Demonstrationen.
Socorro berichtete von einer Teilnehmerin, die an einem Kosmetikkurs teilgenommen hatte und daraufhin geschminkt nach Hause kam. Ihr Mann nahm ihr daraufhin das Licht weg und sagte, dass er das nicht akzeptiere und ihr auch kein Geld für Material geben werde. Sie ließ sich nicht einschüchtern und nahm weiter am Kurs teil. Durch die Einnahmen, die sie aus ihren ersten Tätigkeiten während des Kurses erhielt, konnte sie erstes Equipment anschaffen und weiteres Geld verdienen. Mit einer Glühbirne kam sie zurück und sagte ihrem Mann, „dass sie nun selbst für das Licht sorgt und er ihr das nicht verbieten kann“.
Anhand ihrer Erfahrungen und Geschichten aus ihrer langjährigen Arbeit wurde ihr Engagement für alle Zuhörerinnen und Zuhörer sehr lebendig. Im Anschluss an den Vortrag wurden viele Fragen gestellt. Socorro und ihr Mann Ailton gaben Einblicke in ihr Leben als Kleinbauern im Sertão und die alltäglichen Herausforderungen, die das Leben dort mit sich bringt. Ein Abend voller echter Erfahrungen und die Chance, einen Einblick in die Veränderungen der Rolle der Frauen in der Landwirtschaft im Nordosten Brasiliens zu erhalten.