Mirjam Braun berichtet über das Umfeld

Brasilien, Recife, 3 September 2007

Liebe Unterstützerinnen, liebe Unterstützer,
liebe Familie, liebe Freunde und Bekannte und alle, die diesen Brief bekommen, dies ist ein Rundbrief der anderen Art. In diesem “Zwischenbrief” möchte ich nicht nur über das Projekt, sondern über die Situation der Kinder und Jugendlichen in unserem Viertel Brasilia Teimosa, Pina generell berichten.

In Turma do Flau arbeiten wir nicht nur mit Kindern und Jugendlichen. Wir beziehen die Familien mit ein (90 Prozent der Kinder leben nicht bei ihren Müttern. Großteils sind es Tanten und Großmütter, die die Kinder aufziehen. Etwa fünf von den rund 200 Kindern im Projekt leben mit ihren Vätern
zusammen.) Für viele der Kinder ist der Flau ihre Familie. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist es, die Kinder dort wo sie wohnen, zu besuchen, sich mit ihrer Familie zu unterhalten und mindestens einmal im Monat eine Reunion im Flau einzuberufen. Hier werden Probleme, Veränderungen, Neuigkeiten, usw. besprochen und diskutiert.

Im August haben wir eine zusätzliche Reunion einberufen. Bei dieser waren 39 Mütter, ein Vater und zwölf Kinder zugegen. Diese Reunion war bereits seit einem Jahr in Planung. Sie wurde von Maria José Lima geleitet. Sie war früher selber Mitglied des Flau, ihre Tochter Stefanie gehört zu den Kindern des Flau und sie selbst ist seit einiger Zeit “Conselheiro Tutelares”.

Maria José Lima “Conselheiros Tutolares” wollen in Kontakt mit Familien treten, diese für Probleme sensibilisieren, aufklären, begleiten und wenn es nötig ist auch einschreiten, indem sie die Kinder im Härtefall aus den Familien herausholen. Zu diesem Thema, der Situation der Kinder und Jugendlichen in Brasilia Teimosa, Pina fand nun am 28. August eine Reunion im Flau statt. Sie stand unter dem Gedanken der Aufklärung und von ihr möchte ich berichten.

Unser Bezirk:
Recife ist in sechs Bezirke gegliedert, diese sind wiederum in A, B, C aufgeteilt. Unser Bezirk ist der Bezirk DA RPA 06A. Dazu gehören die Stadtteiele
- Imbiribeira
- Ipsep
- Boa Viagem
- Setúbal
- Pina
- Brasilia Teimosa
Ansprechpartner und Adresse: „Conselheiros Tutolares“ für die einzelnen Stadtteile unseres Bezirks sind“
1. Maria Joseé Lima;
2. Ivete Melo
3. Edilson Silva
4. Severino Ezequiel
5. Alessandra Vasconcelos
6. Manoel Lucas (Suplente)
Die Aufgabe des Conselheiros Tutolares ist genau wie der des Flaus ein 24- Stunden-Job. Selbst wenn der Flau um ca. 17 Uhr seine Türen schließt, so befindet er sich doch mitten im Viertel. Es gibt eine Tür, an die geklopft werden kann und ein Telefon, das rund um die Uhr läutet. Das ist für die
Consoelhores Tutolares nicht anders.
Die Hauptstelle der Conselho Tutolarist ist in Rua Olivia Menelau N˚106 – Imbiribeira – Recife. 3232-2245/3232-2261.
Zusätzlich existiert eine Nachtadresse: Av. Gervasio Pires N˚ 829 – Boa – Recife. 33421-3380
Diese ist von 18 Uhr bis 7 Uhr samstags, sonntags und an Feiertagen geöffnet und einer der Conselheiros Tutolares ist ständig zugegen

Hauptziele:
- Schutz der Rechte (Statutes) von Kindern und Jugendlichen (Bundesgesetz - n˚ 8.069/90)
- Verteidigung von Kindern und Jugendlichen
- Die Anwendung von Schutzmassnahmen


Gesetzliche Grundlage:
Dafür gibt es gesetzliche Grundlagen. Eine findet sich in Kapitel 1, Art. 4 des Statuts Kapitel 1 Artikel 4 des Statutes.
Es ist die Verpflichtung der Familie, der Gemeinde, der allgemeinen Gesellschaft und des öffentlichen Rechts, die Verwirklichung des Rechtes auf Leben, auf Gesundheit, auf Ernährung, auf Bildung, auf Sport, auf Freizeit, auf Berufsausbildung, auf Kultur, auf Würde, auf Respekt, auf Freiheit und auf Zusammenleben in einer Familie und einer Gemeinde mit absoluter Priorität zu sichern.

Das Problem ist, die Familien kommen dieser Aufgabe nicht nach. Sie schieben diese Verantwortung an Schulen, Tanten, Großmütter, Nachbarn, die Straße etc. ab. Die Folge sind Drogen und Kriminalität.
Kinder von sechs bis zehn Jahren sind um Mitternacht noch allein auf der Straße. Dies ist ein Fehler der Eltern. Es fehlt an Verantwortung. Wenn man schon von klein auf erfährt, dass keine Verantwortung übernommen wird und dieses Verhalten die Kinder übernehmen, was wird dann erst aus diesen Kindern wenn sie erwachsen sind? Wie sieht dann die Zukunft dieser Kinder aus?

Ein Bild von Gewalt:
Im Prinzip kannte ich die Situation. Als ich aber die Zahlen schwarz auf weiß vor mir sah, war ich geschockt. Dabei weiß ich, dass dies nur die registrierten Fälle sind. Ohne Dunkelziffer.

Zahlen der Fälle von Juni 2006 bis Juli 2007 Gesamtzahl = 739 Fälle in Brasilia Teimosa & Pina = 235
Anzahl der Verstöße gegen die Rechte von Kindern und Jugendlichen im Bezirk RPA-06A
- Misshandlung
- Vernachlässigung durch Eltern/Erziehungsberechtigte
- Mangel an medizinischer Versorgung
- Fehlen von Grunddienstleistungen
- Freiheitsentzug
- Sexuelle Misshandlung
- Leben auf der Strasse
- Verhaltensstörung
- Alleingelassen (Verlassen)
- Vernachlässigung des öffentlichen Rechts
- Fehlen der Schuleinschreibung
- Fehlen oder Verlust der Registrierung
- “Peinlichkeiten ausgesetzt”
- sexuelle Ausbeutung
- Gebrauch von Psicoativen (Drogen)

Diese Situation darf man aber nicht nur auf die Familien schieben. Ein Grund ist zugleich der Mangel an Sozialarbeitern und einer medizinischen Versorgung. Diese ist zu großen Teilen den Reichen vorbehalten.
Was die Familien dagegen tun können:
Die Kinder und Jugendlichen in Brasilien besuchen entweder am Morgen, am Nachmittag oder in der Nacht die Schule (dies ist in tropischen Ländern aufgrund der Hitze normal). Es ist wichtig, dass die Eltern die Kinder nachts von der Schule abholen, da die Straßen bei Einbruch der Dunkelheit nicht mehr sicher sind. Somit haben die Eltern die Sicherheit, dass ihr Kind heil in der Schule ankommt und auch wieder nach Hause gelangt.
Hygiene:
Ein großes Problem stellen Krätze, Läuse und Durchfall dar. In diesem Zusammenhang berichtete Maria von einem Fall, der sich dieses Jahr ereignete. Jedes Mal kamen sie zu spät “Das Kind war über einen Monat nicht gewaschen oder gekämmt worden. Wir brachten es ins Krankenhaus. … Es ist gestorben. Die Mutter kam vor Gericht. Es geschah nichts.”
Es gibt weitere Fälle:
“Wir erfuhren von einem Mädchen, 15 Jahre alt. Sie hatte noch nie eine Schule besucht. Der Grund: Ihre Mutter ließ sie bei der Geburt nicht registrieren. Für die Behörden existierte dieses Mädchen nicht.”
Was unsere Arbeit im Flau Tag ein Tag aus erschwert, ist Gewalt innerhalb der Familien. Schon bei Kleinigkeiten werden Kinder und Jugendliche geschlagen. Es ist keine Seltenheit, dass dies von Erwachsenen geschieht, die gerade zufällig zur Stelle sind und das Kind nicht einmal kennen. Es ist geradezu ermüdend immer und immer wieder darauf hinzuweisen, dass Gewalt keine Lösung ist. Gewalt erzeugt immer nur neue Gewalt. Die Kinder werden rebellischer und aggressiver. Schon nach kurzer Zeit lässt sich sagen, wenn ein Kind zu Hause nicht geschlagen wird. Es ist viel ausgeglichener und ruhiger.
Dies sind Aufgaben, die bei der Familie liegen. Für sie kann niemand anderes aufkommen. Das System aber ist ein Dreigespann. Dies müssen die Familien begreifen. Familie – Schulen – Consohler. Wenn dann keine Lösung erzielt wird greift die Justiz ein. Diese kann der Familie das Kind wegnehmen.

Angewendete Maßnahmen: Erfolge bei Kindern, Jugendlichen und Eltern / Erziehungsberechtigten


- Orientierung durch psychologische Hilfe
- Sozialassistentenprogramme
- Ärztliche Behandlung
- Psychologische Behandlung
- Psychiatrische Behandlung
- Rauschgiftentzug
- Alkoholentzug
- Behausung / Unterkunft
- Einschreibung in Bildungsstätten
- Gesetzlich bestimmte Schulanwesenheit
- Betreuung der Anwesenheit und der Leistungen des Kindes in der Schule
- Programm oder Kurs zur Berufsausbildung
- Rückgabe des Kindes an die Eltern / Erziehungsberechtigten mittels einer Erklärung
- Abmahnungen
- Sonstiges

Für mich war diese Präsentation sehr informativ und interessant.
Es war schön zu sehen, dass selbst wenn nur wenige Personen zugegen waren, diese doch sehr lebhaft partizipierten und mit vollem Interesse den Erläuterungen folgten. Dazu hat vielleicht beigetragen, dass Maria José Lima nicht eine Fremde, sondern eine Person aus ihren Reihen, die ihren Weg gefunden hat, den Vortrag hielt.
Wenn man sich die Zahlen ansieht, so ist es für mich ein Bild des Schreckens.
Ich lebe nun schon ein Jahr hier, bin täglich mit diesen Schicksalen konfrontiert und lebe mit diesen Kindern. Es ist nicht möglich, die Augen vor dieser Realität zu verschließen. Doch mir läuft jedes Mal von neuem ein Schauer über den Rücken, wenn ich die Zahlen schwarz auf weiß sehe. Umso wichtiger ist die Arbeit, die wir im Flau machen. Wir geben diesen Kindern und Jugendlichen eine Chance und sind ihnen - so gut es uns möglich ist - eine Familie.
Genauso die der Conselheiros Tutelares. Durch ihre Arbeit der Aufklärung und Sensibilisierung, durch ihre Begleitung der Familien und ihr Einschreiten, wenn es nötig ist, sind diese kleinen Erfolge erst möglich, die man an der letzten Statistik sieht.
Manchmal kommt es mir so vor, als sei dies alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch dann begreife ich immer wieder, dass diese Einzelschicksale bei denen man Erfolge erzielt, es Wert sind. Das diese kleinen Schritte, die man erreicht, zwar langsam aber doch eine Verbesserung
mit sich bringen.
Gestern erst kam die kleine Geovanna (4 Jahre) auf mich zu gerannt, umklammerte meine Beine und rief “Ti te amar!”.

Es ist es wert.
Mirjam Braun - Turma do Flau