Zwei Berichte der Freiwilligen Melanie Lohoff, mit vielen Hintergrundinformationen zum Projekt

Melanie Lohoff berichtet vom Einsatz im Projekt Nova Vida

 

 

Die Arbeit in dem Projekt und im gesamten Umfeld hier in Crato/Bundesstaat Ceará ist sehr umfangreich und jeden Tag voll mit neuen Eindrücken.

 

Ich bin jetzt ein wenig mehr als einen Monat hier und könnte ununterbrochen von dem erzählen, was ich hier so sehe und fühle. Momentan helfe ich sehr viel im Kindergarten des Projektes mit. Dieser Teil des Projektes ist vor zwei Jahren noch auf Bitten der Stadtverwaltung von Crato ausgebaut worden. Die Verwaltung übernimmt auch einen Teil der Kosten für die Erzieher und Lehrer hier im Projekt. Diese Kooperation ist sehr wichtig, denn es sind ja die Kinder der Stadt Crato und es kann nicht angehen, dass alles aus Spendenmitteln aus dem Ausland finanziert werden muss. Aber die Stadt weiß, wie engagiert und effizient das Projekt arbeitet.

 

Die Kinder sind zwischen 2 und 4 Jahren. Sie kommen meist aus zerrütteten Familien oder werden von den überforderten Müttern allein erzogen. Ein Großteil der Kinder kommt aus den Elendsvierteln der Stadt und sie werden groß in einem Milieu von Prostitution, Alkohol und Gewalt. Wer einen Platz im Projekt bekommt, hat Glück und damit eine Chance auf eine bessere Zukunft. Man versucht die Mütter in den Sozialarbeiten mit zu integrieren.

 

Die ersten Wochen waren sehr schwierig für die Kinder aber auch für die Mütter/Familien und für die Erzieher. Viele der Kleinen waren noch nie getrennt von ihren Müttern und dementsprechend war ihre Angst groß, dass die Mutter sie einige Stunden später nicht mehr abholen kommt. Sie haben viel geweint und geschrieen. Unter diesen Umstanden den Kindern spielerisch unter Anderem Farben und Zahlen beizubringen fällt schwer. Jetzt allerdings, wo sich die Angst langsam gelegt hat, ist das große Interesse der Kinder an Farben, Zahlen, Spielen und Geschichten in ihren Augen deutlich zu erkennen. Aber zugleich wird den Erziehern und ganz besonders mir, immer wieder das wahre, schwere Leben der Kinder deutlich.

 

Einige von ihnen haben Verbrennungen oder tiefe Narben am Körper, die Folgen der häuslichen Gewalt sind. Ein kleines Mädchen zum Beispiel istJosy (3 Jahre), sie hat eine unglaublich tiefe Verbrennung am Arm. Diese Verbrennung ist mir besonders aufgefallen, weil sie total rund war. Als ich sie dann fragte wie das passiert ist, zuckte sie nur mit ihren Schultern. Als ich sie fragte ob sie es selbst war, schüttelte sie mit dem Kopf, als ich sie dann fragte wer es denn dann gewesen sei, schaute sie mir in die Augen und sagte: es war meine Mama.

 

Durch die fehlende Hygiene zuhause, kratzen sich einige Kinder den ganzen Tag am Körper. Einige Kinder haben auch Läuse, die wir dann zu bearbeiten versuchen, aber wenn sie am nächsten Morgen wieder kommen, sind die Läuse wieder da, da die vielen Geschwister, und auch die Mütter/Eltern ebenso Läuse haben. Andere Kinder wiederum kennen keine Toilette und wenn sie müssen, machen sie einfach drauf los. Mit viel Geduld erklären wir ihnen dann den Toilettengang.

 

Nächste Woche werden die Erzieher und Helferinnen deshalb die Kinder einmal Zuhause besuchen und sich ihre Wohnsituationen anzuschauen, ernste Gespräche mit den Müttern/Eltern führen und alle wichtigen Fragen stellen, um dann besser das Verhalten der Kinder nachvollziehen und besser helfen zu können.

 

Ein kleiner Junge, der heute eigentlich nicht mehr in unserem Projekt, oder zu mindest nicht mehr in der Kindergartengruppe ist, Mateus, 6 Jahre alt, hat eine der vielen traurigen Geschichten. Er wohnt nur 2 Minuten vom Projekt-gebäude entfernt. Als er jünger war, und regelmäßig im Kindergarten gefördert wurde, war er immer sehr zufrieden und glücklich, im Projekt sein zu können. Jetzt mit 6 Jahren jedoch muss er auf eine Schule im Stadtzentrum. Seine Mutter jedoch hat ihn dort nicht angemeldet. Sie ist Prostituierte und geht schon früh morgens aus dem Haus und lässt Mateus auf der Straße, den ganzen Tag. Sie hat noch einige andere Kinder, die sie dann irgendwo lässt. Mateus kommt dann, wenn er Hunger hat, zu uns ins Projekt um zu essen. Manchmal jedoch ist er total dreckig, da er im Müll herum gespielt hat, so dass ich ihn erst einmal baden muss. Er hat dann immer einige Splitter im Fuß und in der Hand, die wir dann beide mühselig versuchen heraus zu holen.

 

Und damit so etwas nicht sein muss, dass ein Kind auf der Straße leben muss, weil seine Mutter sich prostituiert, bietet das Projekt auch Kurse für Mütter an, z.B. Frisörin und auch Nähkurse.

 

Ausserdem hilft der Leiter des Projektes Nova Vida, Herr Hermano de Sousa Familien, die zum Teil auf der Müllhalde leben aber insbesondere Familien, die von der Müllhalde leben und überleben. Sie sortieren dort den Müll und suchen nach verwertbarem, wie Papier, Plastik, Gummi, Glas und noch vielem mehr. Für 1 kg Papier z.B. bekommen sie 3 Euro/Cents. Jeden Freitag bringen wir ihnen eine warme Mahlzeit, um zu zeigen, dass sie nicht vergessen und von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. So fängt langsam ein Vertrauensverhältnis mit diesen „Müllmenschen“ an, dass im besten Fall hilft, dass sie über Alternativen zum Broterwerb nachdenken. Sie ernähren sich in der Woche über von den gammeligen Essensresten, die sie im Müll finden.

 

Als ich das erste Mal mitfuhr, um auch diese Arbeit dort kennen zu lernen, wusste ich zwar was mich erwartete und hatte auch schon einige Bilder gesehen, die Hermano mir vorher gezeigt hatte, war aber dennoch vollkommen unvorbereitet. Plötzlich stand ich in der prallen Sonne auf einem riesigen Müllplatz weit außerhalb der Stadt inmitten von Tausend stinkenden Gasen (die man sogar sehen kann) und alles was ich sah war Müll und sich bückende Menschen, die etwas zwischen dem Müll suchten. Darüber flogen riesige schwarze Aasgeier. Ich war vollkommen eingenommen mit all meinen Sinnen, dass mir auffiel, dass mein Herz ganz still war. Mein Kopf hat verstanden was ich da sah aber mein Herz kam erst ganz langsam dahinter.

 

Das sind so große und tiefgehende Eindrücke, dass ich glaube, dass der Mensch nicht immer ganz und gar mitkommen kann. Als ich die Bilder gesehen hatte vorher, hatte mich das schockiert aber wenn du da stehst, dann riechst du alles, siehst die Fliegen an den Körpern und Gesichtern der Menschen, die dort wohnen und arbeiten und hörst wie die riesigen Aasgeier flattern und irgendetwas Gammeliges schmatzen. Dann ist plötzlich alles ganz anders. Aber das ist eines meiner Lieblingstätigkeiten hier. Jeden Freitag bringen wir ihnen Essen und jeden Freitag freuen sie sich aufs Neue, dass wir da sind, so als wäre es das erste Mal. Dann lachen alle und machen Scherze und freuen sich beim Abschied auf die kommende Woche. Da merkt man wie schön eine Freude aus Dankbarkeit heraus ist.

 

Herzliche Grüße und bald mehr

 

Melanie Lohoff

 

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