Roxana berichtet aus dem Kinderdorf "Cidade da Criança"

Roxana Weißenberg kommt aus Selm im Münsterland und macht über den Aktionskreis für ein halbes Jahr einen Freiwilligendienst in Brasilien und schreibt uns ihre Eindrücke, die sie im Kinder- und Jugendförderprojekt „Cidade da Criança“ in Simões Filho und in der Umgebung bisher erlebt hat:
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Boa tarde todos os alemaes (guten Tag all’ den Deutschen).
Ich hoffe, euch allen geht es gut, wo auch immer ihr euch gerade befindet und ihr freut euch auf den ersten Advent.
Drei Monate bin ich nun schon in Simões Filho bei Salvador, Bahia, Zeit für eine Mail, in der ich mal ein wenig von meinen Leben hier berichte.

Ich arbeite in der ¨Cidade da Criança¨ (Kinderdorf), einem Sozialprojekt für 3-13 jährige Kinder aus den Armenvierteln.
Das Projekt umfasst eine Vor- und eine Grundschule und im Unterschied zu den staatlichen Schulen, bleiben die Kinder bis zum Nachmittag und werden ganz anders betreut. Sie bekommen z.B. drei Mahl-zeiten am Tag, was viele davor beschützt Betteln oder Klauen zu müssen, denn die Familien haben hier bis zu 15 Kinder und die Lebensmittel reichen selten für alle, besonders am Monatsende hungern viele.

Durch die Tätigkeiten im Kinderdorf entsteht Hoffnung und Zukunft

Die Kinder werden hier täglich geduscht, denn viele haben zu Hause keinen Was-seranschluss, und eine fest angestellte Krankenschwester untersucht und versorgt sie regelmäßig. Es gibt hier viele Probleme mit Läusen, Flöhen und Furunkeln, die sich schnell ausbreiten und nur durch strenge hygienische Regeln aufgehalten werden können. Bis jetzt bin ich zum Glück von all dem verschont geblieben, aber das kann sich ganz schnell ändern, denn die Kinder suchen ständig Körperkontakt und fordern ihre Streicheleinheiten. Man spürt, wie sehr sie die Aufmerksamkeit genießen, denn von ihren Eltern bekommen sie leider oft zu wenig davon geschenkt. Wenn man die Kinder nach ihren Geschwistern fragt, erfährt man, dass der Grossteil der Mütter noch ein Kind hat, das unter einem Jahr ist und die Eltern damit besonders beansprucht. Für die Älteren bedeutet das meist, bis zum Abend auf der Strasse spielen und so schnell wie möglich selbständig werden, auch wenn sie selber erst drei Jahre alt sind.
Insgesamt würde ich die Kinder hier als aggressiver und unausgeglichener, aber auch als begeisterungsfähiger beschreiben. Ich gebe am Vormittag Turnstunden und es ist schön zu beobachten, mit wie wenig Material die Kinder sich beschäfti-gen und ständig neue Spiele entwickeln können. In Deutschland dagegen sind die Sporthallen voll von Spielzeug, aber die Kinder langweilen sich so lange, bis sie beschäftigt werden.

Mit der hohen Gewalttätigkeit fällt es mir oft schwer umzugehen, denn das, was ich als Gewalt und damit als Verbotenes betrachte, ist für viele Kinder Alltag oder Spiel. Sie verstehen nicht, wenn ich in eine Prügelei eingreife und schimpfe, denn sie haben nicht gelernt, wie man anders mit Meinungsverschiedenheiten umgeht.

Einige Male habe ich auch Kinder in ihren Häusern besucht und es fiel mir oft schwer mein Entsetzen zu verbergen. Teilweise bestehen die Hütten lediglich aus ein paar alten, zusammengenagelten Brettern, dazwischen manchmal auch nur Pappe. Die Eltern sind aber sehr freund-lich, teilen das Wenige, das sie haben und legen viel Wert darauf, dass man an-nimmt, was sie anbieten. Bei meinem nächsten Besuch habe ich ihnen dann etwas mitgebracht und so hat es sich ergeben, dass ich drei Familien regel-mäßig besuche und vorher meist Reis oder Brot kaufe.

Aber so groß die Armut dieser Familien auch ist, sie haben immerhin ein Dach über dem Kopf und werden vom Projekt unterstützt. Die Straßenkinder in Salvador dagegen haben wirklich gar nichts, ihnen bleibt nicht einmal eine Familie, zu der sie zurückkehren können. Einige von ihnen haben zwischenzeitlich in Heimen gelebt, sind aber freiwillig auf die Strasse zurück-gegangen. Es gibt eine Gruppe von Jungen, ich schätze sie auf 6-15 Jahre, die man immer in der Nähe des Hafens trifft. Wenn ich weiß, dass ich in diese Gegend fahre, kaufe ich vorher meist Brötchen (10 Stk. ca. 40 Cent). Manchmal hat man Glück und während die Kinder essen, erzählen sie aus ihrem Alltag und wenn ich sie über Gewalt, Hunger, arm und reich sprechen höre, würde ich sie am liebsten mit nach Deutschland nehmen und ihnen so noch ein paar Jahre Kindheit schenken, die haben sie hier nämlich nie erlebt. Diese Jungen scheinen schon mehr Lebenserfahrung gesammelt zu haben, als so mancher Erwachsener.

Wirklich erschreckend in Brasilien ist auch die riesige Kluft zwischen Armen und Reichen. Es gibt so viele Kinder, die bei 40 Grad auf den Strassen zwischen den Abgasen stehen und für ein paar Cent Autoscheiben putzen. Oder Mütter, die mit ihren Säuglingen im Supermarkt um Milchpulver betteln, damit sie ihr Kind ernähren können.
In den großen Einkaufszentren sind die Geschäfte so angeordnet, dass die Preise mit der Höhe der Etagen steigen und so verändern sich auch die Menschen, die man dort sieht. Besonders auffällig ist, dass auch die Hautfarbe von Stockwerk zu Stockwerk heller wird und in Brasilien ist weiße Haut noch immer ein Zeichen für Wohlstand und Reichtum.

Heute war ich mit Julian, einem anderen Freiwilligen, in einer Favela nahe meinem Projekt, in dem viele der Kinder aus der Cidade da Criança leben. Wir haben Kekse mitgebracht und mit den Kindern auf der Strasse (natürlich ungeteert und für Autos nicht zu erreichen) gespielt. Die Kinder haben sich sehr gefreut, da wir auch noch zwei Bälle, einige Springseile und ein Gummi-Twist mitgenommen haben. Normalerweise spielen die Kinder lediglich mit dem, was sie auf der Strasse finden. Fußballspielen mit einer alten Dose ist für uns ein romantisches Bild Brasiliens, für diese Kinder ist es Realität und sie hätten lieber einen richtigen Ball.
Aber neben all den schrecklichen und bewegenden Bildern, die ich hier zu Gesicht bekomme, erlebe ich auch viele sehr schöne Augenblicke. Ich genieße die Wärme und bin froh dem deutschen Winter vorerst entflohen zu sein.
Es gibt hier tatsächlich jene einsamen Palmenstrände, die man sonst nur aus Reisekatalogen kennt und am Wochenende zelte ich dort manchmal mit Freunden.

Das Kinderdorf schenkt den Kindern Platz für Spiel und Sport

Ich bin mir sicher viele neue Erfahrungen und Eindrücke mit zurück nach Deutsch-land zu nehmen und von hier aus begreife ich, was für ein wahnsinniges Glück ich hatte, in Deutschland aufzuwachsen. Der Lebensstandard, den man dort lebt, über-trifft das Vorstellungsvermögen der meisten Brasilianer und viele Dinge, die ich in Deutschland als selbstverständlich angesehen habe, erkenne ich jetzt als Luxus, angefangen mit der Wasch-maschine bis zu trinkbarem Leitungs-wasser.

Im Dezember beginnen die Sommerferien und ich hoffe, in dieser Zeit noch ein wenig von Brasilien zu sehen und andere Projekte kennenzulernen. Am 9. Februar startet dann mein Flugzeug von Recife nach Rio de Janeiro, nach Frankfurt, bis nach Greven und ganz ehrlich, ich freue mich auf Deutschland, auf das kleine Selm.
Bis dahin werde ich meine Zeit hier noch weiter genießen und hoffentlich noch ein wenig dazu lernen.
Ganz liebe Grüße
Roxana

November 2005