Bericht von Anna Maria Althelmig

 

Anna Maria Althelmig aus Hörstel-Bevergern absolvierte 2007 ein halbes Jahr einen Freiwilligendienst in dem Kinderförderprojekt Associaçao Frei Gregório, kurz AFG, in Cabedelo, bei Joao Pessoa im Nordosten Brasiliens. Sie war sehr begeistert von der Arbeit vor Ort, insbesondere vom Ehepaar Maísa und Leo, die alles mit viel Liebe umsetzen. Anna Maria hat regelmäßige Rundbriefe an Familie und Freunde verschickt. Einen der letzten wollen wir hier gerne veröffentlichen:

 

Hallo liebe Freunde!

 Für die fleißigen, die meine Emails wirklich immer noch lesen, hier dann noch mal eine, heute mal wieder eher eine etwas traurige Geschichte.

 

In der letzten Woche kam Thayara, 9Jahre alt, ganz aufgelöst hier in der AFG an. Maisa ging mit ihr nach draußen und unterhielt sich dort mit ihr, ich hatte noch gar nicht richtig mitbekommen, was passiert war. Nach dem die Kinder alle ihre täglichen Portugiesischaufgaben fertig hatten und draußen spielten, fragte Maisa mich dann, ob ich mitbekommen hätte, was passiert sei.
Sie rief Thayara zu uns und zeigte mir deren Arme und Beine. Thayara ist ziemlich dunkelhäutig, so dass man es von weitem gar nicht sah, aber als sie es nun zeigte sah ich es: Ihre Arme und auch die Beine, und auch am Hals hatten lauter rote Striemen. Obwohl ich es mir ja schon denken konnte fragte ich: “Was ist das?”
“Das war meine Mutter” sagte Thayara, “die hat mich geschlagen!”
Ich war völlig perplex und fragte “Warum?”
Ich meine: Natürlich gibt es nie einen Grund ein Kind zu schlagen, schon gar nicht so, dass über Tage (so war es nämlich) rote Streifen zu sehen sind, aber man fragt sich ja doch nach den Motiven der Mutter.
Dann fing Maisa an, mir die ganze traurige Geschichte zu erzählen. Ich erzähle sie Euch einfach weiter, weil es mir einerseits gut tun wird, mit jemandem darüber “zu sprechen”. Andererseits schreibe ich aber auch immer so viel fröhliches und möchte einfach noch mal ein Beispiel geben, wie viel trauriges dabei doch passiert.


 

Thayaras Mutter ist Alkoholikerin, auch andere Drogen seien wohl Gelegentlich im Spiel, aber hauptsächlich Alkohol. Sie verlässt oft tagelang das Haus, lässt Thayara allein und kümmert sich nicht um sie. Noch mal zur Erinnerung: Das Mädchen ist 9 Jahre alt! Damit aber nicht genug. Hier in Brasilien gibt es für arme Familien ein Projekt, dass sich “Schultasche” nennt. Eltern erhalten monatlich eine gewisse Summe, damit die Kinder zur Schule gehen und die Eltern sie nicht (statt zur Schule) arbeiten schicken. Dieses Geld versäuft die Mutter aber einfach... Ich habe dann weiter gefragt, wer sich denn dann um Thayara kümmert, wenn die Mutter tagelang verschwunden ist.

Anna Maria mit Thayara
Anna Maria mit Thayara

Einige von euch werden sich evtl. noch an die Email von kurz vor Weihnachten erinnern, in der ich erzählt habe, dass wir einige Familien besucht haben!? Und damals habe ich ja auch Fotos mitgeschickt, unter anderem eines von mir, mehreren Kindern und deren Großvater, und erzählt, dass dieser starker Alkoholiker ist, schon mehrfach im Gefängnis war etc. Nun, da Thayara ebenfalls zu dieser Familie gehört und deshalb ist er es, der sich dann um sie "kümmert". Aber da er wie schon berichtet selber starker Alkoholiker ist, ist es damit auch nicht weit her. Oft genug sei es schon vorgekommen, dass Thayara mittags in die AFG kam, und den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte (sie hat dann ja immerhin schon einen ganzen Schultag hinter sich).

 

Ich finde diese ganze Geschichte total traurig und war davon richtig fertig. Vor allem, weil ich das bei Thayara gar nicht gedacht hätte. Sie ist eigentlich ein total fröhliches Mädchen, nicht auffällig, sehr lieb und aufgeschlossen! Ich habe sie auch in diesem halben Jahr noch nie weinen sehen, weder aus Wut, noch aus Trauer, noch aus "ich-will-aber-das-es-nach-meiner-Nase-geht". Dafür tat es dann natürlich nun um so mehr weh, ihre Tränen zu sehen, als man wusste, warum sie weint!

 

Umso mehr tat es mir aber dann gut, als ich sie zwischen den anderen Kindern spielen und lachen sah -wirklich schön, dass die Kinder ihre Sorgen hier –wenigstens kurz - vergessen können!

 

Léo hat Fotos von ihr gemacht, aber richtig viel kann man leider nicht unternehmen. Wenn man die Mutter anzeigt, dass sie sich nicht genug um Thayara kümmert, wird natürlich zuerst geguckt, wer von den Verwandten sich kümmern könnte - und über die rosigen Aussichten da, habe ich ja schon berichtet.

 

Abends erzählte Maisa dann noch, dass sie Thayara gerne zu sich holen würde. Aber ihr fehlen dazu schlichtweg die finanziellen Mittel. Sie und Léo schafften es schon nicht ihre eigenen Jungs zu vernünftigen Schulen zu schicken (Privatschulen kosten natürlich Geld und die öffentlichen kann man wirklich vergessen), würden Léos und Maisas Eltern sie nicht finanziell unterstützen.

 

Sehr traurig, denn bei Maisa und Léo würde Thayara endlich die Liebe, Zuneigung, Anerkennung und das Verständnis finden, dass sie so dringend brauchen würde. Fast habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich nun 3 Monate in diesen Genuss gekommen bin, wo ich doch schon eine tolle, nette "echte" Familie habe....

 

Maisa macht sich auf jeden Fall viele Sorgen um Thayara. Sie sagt, für solche Mädchen ist der Weg in die Prostitution sehr kurz. Von "ich gebe dir das-und-das, wenn du dich auf meinen Schoss setzt" bis "ich bezahl dich dafür, mit mir zu schlafen" ist es leider viel kürzer als man es sich vorstellen mag...

 

Man mag sich das eigentlich sowieso gar nicht vorstellen, aber irgendwie doch ein-leuchtend, dass ein Mädchen von 9, 10 Jahren, dass von zu Hause nur Gewalt kennt für so etwas anfällig ist, und erstmal gar nicht merkt, was mit ihm passiert....

 

Ihr seht also: auch nach 6 Monaten erlebe ich hier neben allem Schönen immer wieder Dinge, die mir sehr nahe gehen, die mich schockieren, traurig machen und die ich am liebsten einfach gar nicht glauben möchte.

 

Für mich läuft ja nun der Countdown, nicht mal mehr eine Woche bleibt mir und das Verarbeiten all dieser Erlebnisse beginnt sicher erst dann...

 

In der letzten Woche hätte ich meinen Aufenthalt hier auch fast noch verlängert (ich höre es geht schon als Gerücht herum, deshalb will ich mich dann mal dazu äußern, habe vergessen, dass ich in Deutschland auf dem Dorf wohne und man da mit niemandem über so was reden darf, bevor es fest steht.

 

Ich bin ziemlich unglücklich damit, dass ich mich nun "gerade" so richtig eingelebt habe und die Sprache recht gut beherrsche, und nun muss ich wieder weg. Léo und Maisa hätten mich auch gerne noch hier behalten, ich habe (tränenreich) mit meinen Eltern telefoniert, aber letztendlich habe ich selbst mich dagegen entschieden.

 

Ich habe mich aber sehr gefreut, dass einige meiner Freunde und auch meine Familie mich in dieser Entscheidung sehr unterstützt hätten, obwohl sie mich dann ja noch mal hätten entbehren müssen. Anne, Alex, Hardy, Inga, Mama, Papa, Maggi, euch an dieser Stelle herzlichen Dank! Dass ich mich durch euch verstanden gefühlt habe, hat mehr dazu beigetragen, dass ich "schon" zurück komme, als das Gerede derer, die es für eine blöde Idee hielten.

 

Letztlich habe ich mich dagegen entschieden, weil ich in Deutschland ja schon einen Praktikumsplatz habe, auf den ich mich ebenfalls sehr freue, und der mir auch die Möglichkeit sicher einzigartiger Erfahrungen bringt, auf die ich nicht verzichten will. Außerdem hätte ich dann von hier aus wieder soviel organisieren müssen (neue Bewerbungen für Studienplätze, Fortzahlung Kindergeld und ähnliches), dass ich mich entschieden habe, erstmal meine eigene "Karriere" in Schwung zu bringen, um dann noch mal mit einem freien Kopf, hierher zu kommen! Aber trotzdem, soviel ist sicher, wird der Abschied tränenreich!

 

Nun, nur nicht, dass also am 13. keiner mehr mit mir rechnet: es hat sich nichts geändert, alles bleibt wies war: 13.3., 16.20h, FMO!

 

Hoffe ich schaffe es vorher noch mal mich zu melden!

 

In der Anlage schicke ich euch ein Foto von Thayara (siehe oben), damit ihr wisst, von wem ich hier die ganze Zeit rede!

 

Liebe Grüsse, passt gut auf euch auf, - Anna Maria